Sozialer Graph – Was ist das & wo liegen Risiken für Unternehmen?

Autor: Franziska Kliemann
Veröffentlicht am 11. Juli 2019

Dass bei nahezu jeder Bewegung im Netz Daten erhoben werden und allein schon die in der Kommunikation anfallenden Meta-Daten zahlreiche Rückschlüsse über Gesprächsteilnehmer und Inhalte zulassen, ist längst kein Geheimnis mehr. Besonders brisant wird es dann, wenn viele Daten zusammengeführt werden können und so ein stimmiges Gesamtbild zu Personen, Netzwerken oder auch Unternehmen ergeben. Der soziale Graph bildet solch ein Szenario ab – weswegen wir ihn kurz erklären und für die mit ihm verbundenen Risiken sensibilisieren möchten.

Inhalt

Was ist ein Sozialer Graph?

Ein sozialer Graph ist ein Modell, mit dem das persönliche Netzwerk einer Person bzw. eines Users abgebildet wird. Es ist gewissermaßen eine Kartographie des sozialen Lebens und gibt einen Überblick darüber, mit welchen Menschen diese Person in der digitalen Welt in welcher Beziehung steht. Das umfasst Familie und Freunde ebenso wie Arbeitskollegen und Bekannte jeglicher Art – und auch Beziehungen zu Unternehmen, Diensten und vielem mehr lassen sich hier erfassen: Also beispielsweise mit wem ich in einer Partnerschaft lebe, mit wem ich mich regelmäßig zum Essen treffe, welche Musikdienste ich nutze, welche Serien ich mir anschaue, wo ich mein Taxi bestelle und welchen Persönlichkeiten und Marken ich über soziale Medien folge. Denkt man den sozialen Graphen nur weit genug, könnte er detailliert veranschaulichen, wie alles auf der Welt miteinander in Beziehung steht. Und dem Betrachter damit Informationen an die Hand geben, die eine gefährliche Einflussnahme ermöglichen – nicht zuletzt in politischer Hinsicht, wie der große Datenskandal rund um Facebook und Cambridge Analytica nur allzu deutlich gezeigt hat.

(Mit-)Geprägt wurde der Begriff „Social Graph“ übrigens auch und gerade von Facebook. Spätestens seit 2007 ist bekannt, dass das Unternehmen die Verknüpfungen zwischen Usern untereinander bzw. zwischen Usern und Interessen für die Weiterentwicklung seiner Dienste nutzt. Mittlerweile verfügt das Netzwerk, das gemeinsam mit den Diensten WhatsApp und Instagram 2,7 Milliarden monatlich aktive Nutzer umfasst, über den wohl umfassendsten sozialen Graphen überhaupt.

Sozialer Graph & Meta-Daten

Über die die Auswertung von Meta-Daten in der Kommunikation können auch ohne Zugriff auf die eigentlichen Inhalte viele wertvolle Informationen ausgelesen werden. Der soziale Graph bietet ein vielversprechendes Konzept, um diese Informationen anschließend sinnvoll zu strukturieren und nutzbar zu machen. Er kombiniert die erfassten Daten mit weiteren bereits bekannten oder offen zugänglichen Informationen rund um eine Person, eine Personengruppe oder eine Instanz. Möchte ich also verhindern, dass fremde Instanzen einen solchen Zugriff erhalten, muss ich mir genau bewusst machen, an welchen Stellen und auf welche Weise Daten erfasst werden – und dort entsprechend einen Riegel vorschieben. Das umfasst künftig eine sehr bedachte Auswahl bei der Nutzung von Kommunikationsdiensten und damit leider auch den Verzicht auf so manch nützliches Angebot, weil meist das dahinterstehende Geschäftsmodell auf der Auswertung von Daten basiert.

Was verrät der soziale Graph über mich & mein Umfeld?

Die Informationen, die sich über einen sozialen Graphen erfassen lassen, sind extrem komplex und bieten so manch erschreckenden Einblick. So hat beispielsweise der Fahrdienst Uber Anfang 2015 damit geprahlt, über das Fahrverhalten seiner Nutzer herausfinden zu können, wann und wo sie One-Night-Stands haben. Es werden also nicht nur persönliche Beziehungen und Interessen erfasst, sondern auch detaillierte Verhaltensmuster – die wiederum Prognosen für zukünftiges Verhalten ermöglichen.

Der zugrundliegende Datenschatz kann dabei sehr vielfältig sein – ein paar Eindrücke:

  • Bei Anrufen werden nicht nur Gesprächsteilnehmer erfasst, sondern auch die Positionsdaten und mitunter in welchen Kontext das Telefonat stattfindet (beim Einkaufen, morgens im Bett, im Büro im Rahmen einer Telefonkonferenz etc.).
  • Mit dem Smartphone geschossene Bilder enthalten in der Regel Positionsdaten und lassen sich mithilfe von Algorithmen inhaltlich auswerten (welche Gegenstände und Personen sind zu sehen, welche Kleidung etc.).
  • Die Tippgeschwindigkeit beim Schreiben von Nachrichten im Messenger wird protokolliert und lässt Rückschlüsse auf Situation und emotionalen Zustand zu.
  • Die Positionsdaten verschiedener Personen an einem Ort können zusammengeführt werden und damit regelmäßige Treffen mit bestimmten Personengruppen offenbaren – beispielsweise im Rahmen eines Stammtisches. Kombiniert man dann noch die Interessen innerhalb dieser Peer-Group, lassen sich daraus eventuell schon Wahrscheinlichkeiten zum Wahlverhalten und dem Verhalten bei anderen Entscheidungen ableiten.
  • Eine solche Aufzählung lässt sich nahezu beliebig fortführen. Alles in allem kann ein sozialer Graph ein umfassendes Geflecht an Informationen rund um eine Person, eine Personengruppe oder ein Unternehmen bereitstellen. Und darüber mitunter mehr verraten, als die Betreffenden über sich selbst wissen.

Wo liegen Risiken & was können Unternehmen dagegen tun?

Die Risiken in Verbindung mit dem sozialen Graphen liegen auf der Hand: Auf der einen Seite werden Individuen und ganze Gruppen für den Betrachter in ihren Meinungs- und Verhaltensweisen transparent und mitunter sogar steuerbar. Dieses Wissen kann nicht nur für die Weiterentwicklung von Service-Diensten, für Werbung und für strategische Entscheidungen verwendet werden – mitunter zum erheblichen Nachteil der betreffenden „Datengeber“ –, sondern auch im Rahmen von Hackerangriffen. So werden beim sogenannten „Social Hack“ ganz bewusst Informationen über ausgewählte Mitarbeiter gesammelt, um Vertrauen aufzubauen und/oder menschliche Schwachstellen auszunutzen und darüber ins System eines Unternehmens vorzudringen. Darüber hinaus können Erkenntnisse wie Ubers „One-Night-Stand-Studie“ insbesondere Führungskräfte in unangenehme Situationen bringen, Karrieren blockieren und womöglich gar bevorstehende Kooperationen ins Wanken bringen. Die sich übrigens auch anhand eines sozialen Graphen erahnen lassen, wenn der Betrachter Positions- und Kommunikationsdaten aus verschiedenen Unternehmen zusammenführt, dadurch unter anderem eine Häufung an Treffen erkennt und dementsprechende Rückschlüsse ziehen kann.
Schützen können sich Unternehmen gegen all diese Risiken am besten, indem Sie bewusst mit ihren Daten umgehen, alle Mitarbeiter ausreichend schulen bzw. deren Bewusstsein dafür schärfen und die im Berufsalltag genutzten Dienste nach strengen Kriterien auswählen.